Commons und Care - Fürsorge mal anders - ein fiktives Gespräch

Was ist eigentlich dieses Commons?

Schön wär’s wenn ich dir darauf eine kurze knackige Antwort geben könnte. Aber ich kann dir gleich sagen: Commons SIND nicht. Das Verb des Seins reicht schlicht nicht aus, um Commons zu beschreiben, denn es handelt sich hierbei um einen lebendigen Prozess.

Heißt das, dass man Commons nicht definieren kann?

Nein, nicht direkt. Commons bzw. Commoning lassen sich auf jeden Fall beschreiben. Gleichzeitig stimmt es, dass es nicht die eine klare Definition gibt.
Silke Helfrich und David Bollier erklären Commons in ihrem Buch so: „Commons sind lebendige, soziale Strukturen, in denen Menschen ihre gemeinsamen Probleme in selbstorganisierter Art und Weise angehen.[1]Sie entstehen, wenn Menschen zusammenkommen und auf Augenhöhe eine Kultur bewusster Selbstorganisation entwickeln, um so Neues und Sinnhaftes zu schaffen.[2]Dabei beruht jedes Commons auf natürlichen Ressourcen. Jedes Commons ist ein Wissens-Commons und jedes Commons ist ein sozialer Prozess.[3]

Vielleicht hört sich das für dich noch recht theoretisch an, aber ich bin mir sicher, dass auch du die unterschiedlichsten Commons kennst. Denk beispielsweise an die Wikipedia, oder an die Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt in Eberswalde oder auch an eine Mehrgenerationen-Lebensgemeinschaft. Auch das kann ein Commons sein.

In unserer Commons PW-Projektarbeit haben wir uns beispielsweise mit dem Thema Commons und Care auseinandergesetzt.

Was meinst du mit Care?

Damit meine ich die klassische Fürsorge, also „Care-Arbeit“, die weltweit überwiegend von Frauen, z.B. in der Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen, unentgeltlich geleistet wird. Auch hier stehen menschliche Bedürfnisse und Beziehungen im Mittelpunkt, marktwirtschaftlichen Mechanismen (Geld für Leistung, Gewinnmaximierung), sollten hier nicht greifen.[4]

Ok, aber was genau hat jetzt Commons mit Care zu tun?

In Commons kümmern sich Menschen umeinander, ohne auf den eigenen Vorteil aus zu sein. Durch gegenseitige Wertschätzung und einer Art Fürsorge (Care) werden authentische Beziehungen aufgebaut. Dafür wird Zeit, Aufmerksamkeit und Energie aufgewendet. Eine wesentliche Gemeinsamkeit von Commons und Care, ist, dass das Menschenbild des „homo oeconomicus“[5], welches aus einem klassischen Wirtschaftsverständnis entspringt, überwunden wird. Menschliche Bedürfnisse und Beziehungen stehen im Mittelpunkt, und nicht der maximale individuelle Nutzen. Es wird versucht einer Aufgabe mit seinem gesamten Menschsein zu begegnen. Dadurch steht die Qualität der Beziehung zu sich selbst und zu anderen im Vordergrund. Wenn wir fürsorgend tätig sind, werden wir zu einem Ich in Bezogenheit.[6]

Die Verknüpfung von Commons und Care finden wir spannend, weil der Zusammenhang von menschlichen Gesellschaften nicht nur abhängig ist von Lohnarbeit und monetärem Gewinn, sondern auch wesentlich getragen wird durch Liebe, Zuwendung und Fürsorge. Insofern hat die Care-Arbeit eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Und wenn Fürsorge als Commons organisiert ist, steigt die Qualität, denn so steht die Effizienz nicht mehr im Fokus.

Ein Muster des Commoning, welches sich mit dem Thema „Fürsorge“ befasst, heißt „(Für-) Sorge leisten und Arbeit dem Markt entziehen“

Was meinst du mit Mustern des Commoning?

Im Commoning lassen sich laut Silke Helfrich und David Bollier wiederkehrende Phänomene beobachten.
Ob in selbstorganisierten Projekten oder in jahrhundertealten Allmenden, überall wo Menschen ‚gemeinschaften‘ sind sie mit ähnlichen Problemen konfrontiert und müssen nach Lösungen suchen. Den Gemeinsamkeiten der Commons wurde in umfangreichen Recherchen weltweit nachgespürt.
Anhand praktischer Fragen nach typischen Problemsituationen (z.B. Entscheidungsfindung, Geld, Übernutzung) und erfolgreich umgesetzten Lösungen, kamen kamen Helfrich und Bollier den wiederkehrenden Mustern auf den Grund. Diese wurden dann benannt, geordnet und verknüpft. In dem Buch „Fair, frei und lebendig – Die Macht der Commons“ werden 28 Muster ausführlich beschrieben. Sie sind in die Bereiche – Soziales, Governance und Ökonomie unterteilt und bilden ‚Die Triade des Commoning‘.
Die Muster des Commoning versuchen in der Vielfalt der Commons die Gemeinsamkeiten zu finden. Und eines von ihnen ist das besagte Muster „(Für)-Sorge leisten und Arbeit dem Markt entziehen“.

Das heißt, das Muster „Fürsorge leisten“ schlägt gewisser Maßen eine Brücke zwischen den Themen Commons und Care?

Ja, ich denke schon.
Kernfragen hinter dem Muster sind:  Wie verstehst du Tätigsein und Arbeit? Was gehört für dich alles zu deiner Arbeit dazu? Wo fängt Arbeit an, und wo hört Arbeit für dich auf?

Ein Muster, welches sich in Commons wiederholt erkennen lässt, ist, dass Arbeit nicht als veräußerbare Ware verstanden wird. Und Arbeit hört auch nicht da auf, wo mein Zuständigkeits- oder Expertenbereich endet. Vielmehr wird Tätigkeiten in Commons im Idealfall mit dem ganzen Menschsein begegnet. Denn Menschen sind auf ganz natürliche Art und Weise voneinander abhängig und in gewisser Weise sozial bedürftig. Daher wird die Beziehung der Menschen zueinander in den Fokus gerückt. Denn auch (für-)sorgende Handlungen gehören essenziell zu uns, und haben einen positiven und motivierenden Charakter.
Ähnlich wie Naturleistungen von Ökosystemen, werden diese (für-)sorgenden Arbeiten, in der modernen Marktwirtschaft bestenfalls als Gratisleistung hingenommen. Paradox, denn würden diese „Leistungen“ wegfallen, wäre die Zivilisation überhaupt nicht in der Lage zu funktionieren. Sie sind der große Teil eines Eisbergs, der unter der Wasseroberfläche liegt, und den Auftrieb generiert. Nur durch diesen, quasi unsichtbaren Großteil, kann der sichtbare Teil des Eisbergs, nämlich die Arbeit, die in der Wirtschaft abgebildet ist, überhaupt stattfinden.

Aber es gibt doch Pflegedienste und Pflegeheime, in den fürsorgliche Tätigkeit stattfindet. Also wird die Care-Arbeit doch gar nicht ausgeblendet, oder?

Es zeigt sich aber in der Praxis oft, dass der tatsächlich fürsorgliche Charakter dieser Tätigkeit unter dem wirtschaftlichen Konkurrenzdruck verloren geht. Es geht um die Erfüllung einer standardisierten Leistungsstufe und längst nicht mehr um die menschliche Beziehung der Pflegenden und Gepflegten zueinander. Die Beziehung steht nicht im Mittelpunkt, und kann so auch nicht zur antreibenden Kraft für die Beteiligten werden.

Commoning möchte die Menschen ermutigen ihr Bestes zu geben und in ein Vertrauensverhältnis zu ihren Mitmenschen zu gehen. Um sozusagen ein „Ich-in-Bezogenheit“ zu werden.
Die Frage, die sich ein Commoner also stellt, wenn er arbeitet lautet: Wie kann ich meiner Tätigkeit mit meinem ganzen Menschsein begegnen?

Habt ihr denn in der Praxis auch schon Projekte gesehen, in denen die Fürsorge wirklich als Commons organisiert ist? Ich meine im klassischen Care-Bereich, wie in der Pflege von kranken oder alten Menschen.

Na klar, es gibt mittlerweile viele neue Konzepte im Pflegesektor die den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen und z.B. die Nachbarschaftshilfe mit einbinden. Ein sehr erfolgreiches und bekanntes Beispiel hierfür ist Buurtzorg aus den Niederlanden o[LB1] der die genossenschaftlich organisierte Altersvorsorge KISS. Hier investieren Menschen Zeit statt Geld[LB2] .

Ein Beispiel, das wir uns näher angesehen haben, ist die „Artabana DeutschlandSolidargemeinschaft E.V zur Gesundheitsvorsorge. Auf Grundlage von Subsidiarität und Solidarität wird eine Unterstützungsform im Gesundheitswesen zur Vorsorge- und Nothilfe sowie Sozialkompetenz und Gemeinschaftsbildung ermöglicht.

Also ich finde meine Krankenkasse super. Was ist denn die Motivation der Menschen, sich in solchen Solidargemeinschaften zusammenzutun und Gesundheitsvorsorge selbstorganisiert zu gestalten?

Vermutlich ein Mix aus Unzufriedenheit mit dem jetzigen Krankenkassensystem und die Motivation, aktiv Verantwortung zu übernehmen und mitzugestalten. Durch die Entscheidungsfreiheit bei der Wahl des Therapieverfahrens ist es möglich den individuellen Gesundungsweg bewusst zu gehen, idealerweise gemeinsam mit Menschen, die Verständnis haben und sich solidarisieren mit dem, was man für sich gewählt hat.

Und diese Solidargemeinschaft Artabana ist ein echtes Commons?

Das haben wir uns auch gefragt. Auf meine Frage ‚Ist Artabana ein Commons‘ bekam ich von Anna*, einem Artabana-Mitglied folgende Antwort: „Als Idealbild, ja. Ich denke, das Wichtige in einer Bewegung mit so vielen Menschen ist der gemeinsame Gedanke der Solidarität und des Miteinanders. Obwohl oder gerade weil jedes Individuum für sich eigenverantwortlich ist, mit anderen in Kontakt gehen kann, aus der eigenen Fülle heraus, sozusagen.“  Es lassen sich bei Artabana tatsächlich einige »Muster des Commoning« finden.

Das Muster (Für-) Sorge Leisten & Arbeit dem Markt entziehen, oder?
Ja, es wird Zeit investiert um Beziehungen zu pflegen und für andere im Krankheitsfall zu sorgen z.B. als Pate, für Organisatorisches oder als Therapeut/in für eine Behandlung. Unterstützung geschieht auch durch Besuche, Briefe, Telefonate oder (Geld)-Geschenke, manchmal deutschlandweit. Es gibt unter den Mitgliedern auch viele Ressourcen an Fachwissen aus denen geschöpft werden kann, wie Therapeuten, Heilpraktiker, Ärzte usw. Alle anfallenden organisatorischen Arbeiten werden ehrenamtlich von den Mitgliedern geleistet.

Und welche Muster noch?
‚Sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten‘ z.B. passt zu 100 Prozent! Artabana möchte absolut offen sein für Alle die die Werte teilen, die im Leitbild formuliert sind, dementsprechend vielfältig sind die Mitglieder und die Gruppen bei Artabana. Das Artabana-Leitbild wird immer wieder herangezogen und ,bewegt‘, um eine gemeinsame Ausrichtung zu finden.

Klingt gut, aber wie lässt sich dann so eine Vielfalt organisieren? Braucht es da nicht so etwas wie  GruppenleiterInnen und feste Regeln?
Artabana ist dezentral organisiert. Das Muster dazu heißt: Auf Heterarchie bauen.
Innerhalb der Bewegung wird auf horizontaler Ebene entschieden. Regionalen Gruppen handeln Ihre Regeln selber aus. Das betrifft unter anderem alles Organisatorische, die Höhe und die Verteilung der Beiträge, die Aufnahme neuer Mitglieder, Abstimmungsprozesse, auch die Art der Kommunikation und die Häufigkeit der Treffen.

Da gibt es sicher sehr viel Konfliktpotential …

Ja, das dachte ich mir auch. Gerade deshalb ist es wichtig in solchen Gemeinschaften Konflikte beziehungswahrend zu bearbeiten, ebenfalls ein Commoning-Muster. Natürlich gibt es keine Standardverfahren, weil sich die Gruppen ja selbst organisieren und der Umgang mit Konflikten unter menschlichen Individuen auch immer unterschiedlich ist.
Anna beantwortete diese Frage sinngemäß so: „Mal hilft Reden, mal 'ne Aufstellung oder einfach E-Mailverkehr, wer Karten legen will, legt Karten. Die Leute sind offen, verschiedene Techniken auszuprobieren. Es wird auch empfohlen bei Bedarf die internen Mediatoren zu fragen. Grundsätzlich hilft Transparenz sich selbst und den Anderen gegenüber, Probleme frühzeitig auf Augenhöhe, wertschätzend anzusprechen und die Kommunikation so zu gestalten, dass die Konflikte nicht so groß werden.“

Und wie funktioniert das mit den Beiträgen, dem Geben und dem Nehmen?


Nach dem Commoning-Muster: Ohne Zwänge beitragen!Bei Artabana geht es um das ‚Freie Schenken‘. Jede/r macht ein Beitragsversprechen für das Jahr, den eigenen vorsorglich oder zu erwartenden Gesundheitsausgaben angemessen. Über die Höhe der Beiträge und die Verwendung wird in den Gruppen unterschiedlich aber gemeinstimmig entschieden. Es gibt keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung im Krankheitsfall.

Jede/r ist freiwillig mit den Menschen in einer Gruppe zusammen. Zitat Anna: „Wenn das Herz offen ist, gibt man gerne.“ Das betrifft sicher nicht nur Geld sondern auch Zeit, Aufmerksamkeit, Arbeitskraft, Wissen etc. Deshalb ist es wichtig auf der menschlichen Basis Verbindung zu haben.

Und alles wird immer gemeinstimmig entschieden, ist das nicht anstrengend?

Es ist intensiver und dauert länger, als eine Abstimmung nach Mehrheiten, aber diese Art der Entscheidungsfindung fühlt sich natürlicher und stimmiger an. Zitat Anna: „Es können Dinge im Schwarmbewusstsein entschieden werden, die einzeln womöglich nicht denkbar und tragbar wären. Der Faktor Zeit beeinflusst das mitnehmen und mittragen wesentlich.“ Bei Artabana wird grundsätzlich nach dem fünfstufigen Konsensprinzip entschieden (Ich stimme dem voll zu. –  Ich habe leichte Bedenken. –  Ich habe schwere Bedenken. – Ich stehe beiseite.  –  Ich lege ein Veto ein. Veto heißt hier: ich sehe einen Schaden für das Gemeinwohl). Es werden so lange Bedenken gehört und das Thema ‚bewegt’, bis alle in der Gruppe die Entscheidung mittragen können. Das geht in kleinen Gruppen sehr gut. Bei größeren Gruppen, auf überregionalen Treffen z. B., tendiert man zum Konsent-Prinzip. Da werden  Fachgruppen oder Fishbowl-Formationen gebildet, die ein Thema ‚bewegen‘. Man kann darauf vertrauen, dass diese ein Abbild der Bewegung sind, und ihre Entscheidung übernommen werden kann. Gemeinstimmig entscheiden ist übrigens auch ein Commoning-Muster.

Ok, das mit der gemeinschaftlich organisierten Krankenkasse hört sich tatsächlich ziemlich commonsmäßig an. Vor allem wegen der ganzen Muster und Methoden. Ich persönlich kann mir das nicht vorstellen, ständig immer alles methodisch bewusst zu machen. In meiner WG hätte bestimmt niemand Bock den Putzplan nach dem "Ohne Zwänge beitragen" Muster zu gestalten.

Oft ist es auch so, dass diese Commons-Muster gar nicht bewusst angewendet werden. Oder dass sie angewendet werden, ohne sie als solche zu benennen. Wir in unserer Gruppe haben uns ganz bewusst die Commonsbrille aufgesetzt und nach Mustern und dahinliegenden Methoden gesucht. Aber meistens machen die Menschen einfach, was sich intuitiv richtig anfühlt für die Gruppe. Die einen möchten bewusst viele Methoden anwenden beispielsweise zur Entscheidungsfindung, die anderen eben nicht.

Das haben wir auch festgestellt, als wir uns mit einem Mitglied der Lebensgemeinschaft der ufaFabrik [BJ3] unterhalten haben. Werner ist schon seit 35 Jahren Teil dieser lebendigen Lebensgemeinschaft. Er sagt `Was Commons und Methoden angeht - diesen zwischenmenschlichen Kram, das machen wir alles nicht. Andere sind da viel weiter.` Und trotzdem funktioniert's.

Wie seid ihr denn drauf gekommen, euch die ufaFabrik-Lebensgemeinschaft anzuschauen. Haben die auch was mit Care-Arbeit zu tun?

Die ufaFabrik ist ein selbstverwaltetes Kultur- und Lebensprojekt in Berlin Tempelhof, auf dem Gelände eines ehemaligen Filmkopierwerks und besteht seit über 40 Jahren. Heute lebt dort eine Gemeinschaft von etwa 35 Menschen, die auf dem Gelände, aber auch im umliegenden Kiez kulturelle, soziale und ökologische Projekte verwirklichen. Unter anderem gibt es dort ein sehr erfolgreiches Nachbarschafts- und Selbsthilfe-Zentrum (NUSZ[BJ4] ). Hier spielt der Care-Aspekt eine tragende Rolle.
Der Leitgedanke des NUSZ ist, Menschen dabei zu unterstützen, ihr Leben selbstständig und eigenverantwortlich zu gestalten und gesellschaftliche Veränderungen sowie persönliche Entwicklung mit eigener Initiative voranzutreiben. Somit stehen hier menschliche Bedürfnisse und Beziehungen im Mittelpunkt. Es wird gemeinsam Fürsorge für sich selbst und für Mitmenschen übernommen und zwar auf vielfältigste Art und Weise. Das Angebot des NUSZ reicht vom ambulanten Pflegedienst, einer SchreiBabyAmbulanz und Kindertagesstätten bis hin zu einem breiten Freizeitangebot mit Tanz- und Sportkursen für Jung und Alt. Möglich gemacht wird dies durch ein generationenübergreifendes, bürgerschaftliches Engagement und nachbarschaftliche Unterstützung.

Wendet denn die ufa-Lebensgemeinschaft auch für sich selbst das "Fürsorge Muster" an?

Man achtet auf einander und trägt Fürsorge, ohne das gleich so zu benennen.
Zum einen trägt man in einer Lebensgemeinschaft Fürsorge für sich selbst, in dem man lernt, Grenzen zu setzen und wahrzunehmen. Zum anderen übernimmt man Fürsorge für Andere, beispielsweise kocht man eine Suppe, wenn jemand krank ist. Wer krank ist muss nicht um seinen Job oder den reibungslosen Ablauf der Dinge fürchten. Es gibt Leute die sich sorgen und einspringen. Außerdem hat Fürsorge ja verschiedene Facetten, es geht nicht nur um pflegerische Tätigkeiten.

"Ein gutes Gespräch heilt auch." sagt Werner. "Ich hab so ein Bewusstsein, dass ich hier gut aufgehoben bin. Ich hab keinerlei Existenzängste oder so. Und das macht die Gemeinschaft."

Was ist das commonsmäßige an der ufa-Lebensgemeinschaft?

Ich hatte ja schon erzählt, dass diese diversen Muster des Commoning mal bewusst und mal ganz nebenbei angewendet werden. In dem Gespräch hat Werner gesagt, dass sie eigentlich kaum methodisch arbeiten würden und andere Lebensgemeinschaften viel weiter seien. Z.B. das Ökodorf Sieben Linden [BJ5] oder die Commune Niederkaufungen[BJ6] . Trotzdem haben wir in Vielem, was er erzählt hat, Muster des Commoning entdecken können.

Mit unserer Commonsbrille auf der Nase haben wir zum Beispiel das Muster Im Vertrauensraum transparent sein entdeckt. Werner sprach davon, wie wichtig ihm ein informiertes Vertrauen sei. Dass es wichtig sei Entscheidungen anderer nachvollziehen zu können, dadurch, dass man sich gegenseitig informiert und mitteilt. Er nennt es eine gemeinschaftliche Erwartungshaltung. "Informiert sein ist gut."

Ein weiteres Muster war Sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten. Werner sagte, das was er an seiner Gemeinschaft schätze, sei auch die Tatsache, dass die Menschen so unterschiedlich sind. So könne man verschiedene Seiten an sich ausleben und ausprobieren.

Ein anderes Muster, dass wir in Ansätzen entdecken konnten war die Eigene Governance reflektieren. Festgeschriebene Rollen gibt es in der ufa-Lebensgemeinschaft nicht. Es steht nirgends festgeschrieben, wer welche Aufgabenbereiche hat. Stattdessen schaut man auf die Fähigkeiten und Kapazitäten der Menschen. Es wird sich gegenseitig "der Spiegel vorgehalten", kritisiert, gelobt und reflektiert.

Aber selbst wenn wir nicht so viele Muster entdeckt hätten, es war auf jeden Fall total interessant  die Welt mal durch eine Commons-Brille hindurch zu betrachten. Aber glaube so richtig nachfühlen kann man Commons nur, wenn man selber irgendwo mitmacht …

Da hast du vermutlich recht. Aber trotzdem vielen Dank, dass ich diesen Einblick ins Thema bekommen habe. Jetzt kann ich mir unter dem Begriff "Commons" viel mehr vorstellen.


[1] Bollier, D. Helfrich S. (2019): frei, fair und lebendig – die Macht der Commons. 1.Auflage. Bielefeld: transcript Verlag. Seite 20

[2]  Bollier, D. Helfrich S. (2019): frei, fair und lebendig – die Macht der Commons. 1.Auflage. Bielefeld: transcript Verlag. Seite 50.

[3]  Bollier, D. Helfrich S. (2019): frei, fair und lebendig – die Macht der Commons. 1.Auflage. Bielefeld: transcript Verlag. Seite 29

[4]  Bollier, D. Helfrich S. (2019): frei, fair und lebendig – die Macht der Commons. 1.Auflage. Bielefeld: transcript Verlag. Seite 164 ff.

[5] Bollier, D. Helfrich S. (2019): frei, fair und lebendig – die Macht der Commons. 1.Auflage. Bielefeld: transcript Verlag. Seite 165

[6] Bollier, D. Helfrich S. (2019): frei, fair und lebendig – die Macht der Commons. 1.Auflage. Bielefeld: transcript Verlag. Seite 165


[LB1]Im Artikel evt. die Seite verlinken https://www.buurtzorg.com    

[LB2]http://www.kiss-zeit.ch/index.php/home.html    

[BJ3]https://www.ufafabrik.de/de

[BJ4]https://nusz.de

[BJ5]http://siebenlinden.org/de/start/

[BJ6]https://www.kommune-niederkaufungen.de